Freidenker-Kalender 2020 unter dem Motto «Gegen den Strom»

Auf den einzelnen Kalenderblättern finden sich Fotos und Aquarelle, dazu jeweils ein kurzer oder längerer Text sowie ein Kalendarium mit Hinweisen auf Geburts- bzw. Sterbetage bekannter Persönlichkeiten.

Es sind vertreten: Friedrich Nietzsche, Nestor Machno, Ernst Busch, Hanns Eisler und ein Gedicht von B.B., Wladimir Iljitsch Lenin, Pablo Neruda und die „Unitad Popular“, Walter Benjamin, Kurt Tucholsky, Emma Goldmann, Leo Trotzki, die Befreiung vom Faschismus, der Kapp-Littwitz-Putsch, Friedrich Engels und Grafiken von Jörg Scherkamp.

Eine Fundgrube also für alle, die Freude an Farbe und Infos haben. Der Kalender ist eine Gemeinschaftsarbeit von Mitgliedern der Ulmer Freidenker*innen und hier erhältlich: Freidenkerinnen & Freidenker Ulm/Neu-Ulm e.V.

 

»...und keine Stunde zuviel!« 
Das »Perlach-Stüble« in Augsburg

Auszug aus "Perlach-Stüble, Seite 34-45"
Wolf Noack © 2008 (Autor), Stefan Hesz (Herausgeber)

ASIN: B00314AER6 · augsbuch pocket

Damals, in den 60ern, als die Menschen in der Maximilianstraße noch bei offenem Fenster schlafen konnten, als das Telefon noch mittels einer Schnur mit der Wand verbunden und die Innenstadt nachts aus Mangel an Cafés, lnkneipen und Discos fast menschenleer war, verbrachte ich die freien Stunden, die mein Studium mir übrig ließ – und es waren deren viele ... im »Perlach-Stüble«. Nein, nicht im »Perlach-Stüble«, wie Kenner sofort einwenden werden, ich verbrachte sie im »Schalk«. Denn das »Perlach-Stüble« hieß für uns einfach »Schalk«, benannt nach dem damaligen Pächter Rudolf Schalk. Den Begriff »Perlach-Stüble« gab es erst viel später.

Es war nicht einfach, als junger Mensch im »Schalk« heimisch zu werden. Es erinnerte mehr an einen Eisenbahnwaggon 3. Klasse als an eine Weinstube. Es gab darin nur drei Tische, an denen meist schon jemand saß, folgerichtig war nur selten einer unbesetzt. Trotz meiner 22 Jahre noch reichlich schüchtern, warf ich oft nur einen neugierigen Blick hinein um gleich wieder zu gehen. Eines Tages sprach mich jemand an: »Komm doch rein, Bub, setz Dich her, trink was. Du bist ja auch Maler!«. Es war Jörg Scherkamp, den ich Wochen zuvor in der Galerie Weise in der Beethovenstraße kennengelernt hatte. Die erste Galerie, die ich betreten habe und vielleicht die einzige damals in Augsburg.

Ganz sicher saßen da noch der Maler und Grafiker Carlo Schellemann und Frieder Pfister, ebenfalls Künstler – ein Jackett über den Schultern und sich eine neue Roth-Händle anzündend. Scherkamp war eine Integrationsfigur. Immer – und das völlig uneigennützig – auf der Suche nach neuen jungen Künstlertalenten, immer einen Schwarm angehender Künstler und Verehrer um sich. Er genoss das. Und wir genossen ihn. Da waren seine 20- bis 25-minütigen Monologe, denen wir, fasziniert und ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen, zuhörten.

Es ging immer um die gleichen Themen: Um Politik (»der Bissen Brot ist Politik«), Kunst und Literatur. Scherkamp war, und das sei mit dem allergrößten Respekt gesagt, ein begnadeter Trinker. Je mehr Wein er trank, desto furioser wurden seine Ausführungen. Eine besonders gelungene oder witzige Passage unterstrich er, indem er plötzlich von der Bank aufsprang und somit nicht nur am Nebentisch ein mittleres Beben auslöste. Und warum er mich immer mit ››Bub« anredete – weiß der Teufel.

Scherkamp war Künstler und Autodidakt. »Ich bin Autodidakt« fügte er genüßlich hinzu, wenn es um seine Malerei ging. Und er fügte es oft hinzu. Wann immer ich ihn fragte: ››Jörg, was malst du gerade?«, kam seine Antwort: »Eine Hommage«. Jörg malte immer Hommagen. Oder Triptychen. Oder Hommagen in Form von Triptychon. So zum Beispiel eine Hommage auf Pablo Neruda, den chiIenischen Dichter und Lyriker. Oder – in Form eines Triptychons – eine Hommage auf Thomas Münzer, den Augustinermönch und geistlichen Anführer des Bauernaufstandes vor 500 Jahren.

Und da war Brecht. »Ich male gerade eine Hommage auf Bert Brecht«, sagte er in reinster Lechhauser Dialekt und mit besonderem Scherkamp-Akzent. Brecht – das Wort durfte man damals in Augsburg nur hinter vorgehaltener Hand erwähnen. Brecht war ein »Roter«. Oder ein »roter Hund«. So wollten es die Herren im Rathaus. Und also wurden seine Anhänger auch wie Hunde behandelt.

    Transparent "Sie betreten Augsburg"

Als wir im September 1960 vor den Toren Augsburgs mit einem Transparent »Sie betreten Augsburg – eine Stadt, die ihre großen Söhne totschweigt« demonstrierten, dauerte es nicht lange und die Polizei schritt rüde ein. Das Transparent nahmen sie uns selbstverständlich weg. Anlass dieser Demonstration waren Privat veranstaltete Brecht-Gedenktage.

Die Bücherstube enthüllte am Brecht-Geburtshaus eine vom Deutschen Bücherbund gestiftete Gedenktafel – gestaltet von Willi Sedlmeyr, ausgeführt von Sepp Marstaller –, die noch heute im Brechthaus zu sehen ist. Leider ohne eine textliche Erklärung. Absicht oder nur Nachlässigkeit? War es doch die allererste Gedenktafel an Brechts Geburtshaus überhaupt. Die Initiatoren der Brecht-Gedenktage waren u. a. Walter Oehmichen, Carlo Schellemann und Günter Strupp. Für das offizielle Augsburg war Brecht damals selbstverständlich tabu.

...

Aber zurück zu Jörg Scherkamp. Immer und überall konnte man von ihm Begriffe und Namen hören wie: Autodidakt, Hommagen, Pablo Neruda, Thomas Münzer, Bert Brecht; und er sprach von seinen großen Vorbildern: Fernand Leger und Renato Guttuso, einem Vertreter des Sozialistischen Realismus. Und endlich die Gruppe 47. Was hat er uns mit der Gruppe 47 genervt. Heute wäre das etwas ganz anderes. Aber damals! Wir wußten doch überhaupt nichts von Hans Werner Richter und seiner Gruppe 47.

Was aber in diesem Zusammenhang gesagt werden muß: Scherkamp war ein sehr belesener Künstler. Ein unglaublich gescheiter Mensch; Er war ein Intelekueller und er war ein barocker Mensch. Das sage nicht ich, das hat er immer wieder von sich selbst behauptet und je länger der Abend dauerte, um so öfter. Er wölbte die Brust, setzte sein verschmitztes Grinsen auf und bekräftigte mit weit aufgerissenen Augen: »Ich bin ein barocker Mensch«.

Und so waren auch die unvergesslichen Wochenenden in seiner Wohnung in der Morellstraße: barock, bachant, ausschweifend und überdreht. Es waren eben die 60er, die Jörg Scherkamp in Augsburg mitgeprägt hat. Für viele Augsburger ist er heute noch eine Legende.

 

 

Nichts nehme ich mit

Augsburg sprachlos-edition 4, 1984, Hausgeber: Pit Kinzer, Verlag Franz Fischer
Gebundenes Taschenbuchformat, 91 Seiten

In diesem Land

Dieses Land, zerteilt von Bändern aus Beton
Produkt berechnender Ideen
grüne Flächen mit eingewebten Städten
Alles in allem mit Abwechslung
kann man sagen

Dieses Land der konservativen Reaktion
die einen Stiefel weiter hinten
den Absatz auf der Ferse drehn
das gleiche Spiel mit alten Karten
mit altem Wein in neuen Schläuchen

In diesem Land wird Demokratie
als Dekoration der Zwischenzeit verstanden
bis neue Helme auf die alten Bärte kommen

Mit Tucholsky und Heartfield einig
es sind die gleichen alten Tiere
sie sehen und immer noch
und wieder mal von Neuem an

Biergarten

Wenn unter Kastanienbäumen die Vielen sitzen
an vogelfreudigen warmen Abenden beim Bier
vergessend die zerhackten schönen alten Häuser aus der Gründerzeit 
von den Spitzhacken der Bodenspekulanten in ihren Städten 

Bierselig die Hand am Krug – der Arbeiter und seine Frau 
die wie die Vielen immer wieder arbeiten 
für die Wenigen – die ihre Hände lieber auf Parzellen legen

Preßsack, du zwiebelträchtiger bei der zweiten Maß
dem Gelächter unter den Bäumen 
Du, barockem Land der Bayern mit den seltsamen Figuren
die bei Sekt und Delikatessen ihre neuen Pläne schmieden

die Vielen sind es die hier – was immer auch die Wenigen verbrechen
zum Ausgleich so beim dritten Maß mal überdenken
was es so gibt in diesem Land mit den blauen Seen und den Seeufern
die diese Wenigen dem Volk gestohlen haben und es immer noch tun

 

In Erwägung unserer Lage. Ein Buch zu Brecht.

von Pit Kinzer / Joerg Scherkamp · Verlag Augsburg, edition sprachlos, (1981), Taschenbuch · ASIN: B0034J9M9O

Das Gebinde oder 
Der Blumenstrauß am falschen Haus

Eine Dokumentation

Am 18. Mai 1929 erschien in den »Augsburger Neuesten Nachrichten« ein Artikel mit der bezeichnenden Überschrift: »In Augsburg geboren – auswärts wirkend – der Welt bekannt.« Damit ist eigentlich schon alles gesagt über das Verhältnis der Stadt Augsburg zu ihrem großen Sohn, dessen Name in besagtem Artikel immerhin als weittragendster der jungen Künstlergeneration überhaupt gewürdigt wird. Hier nebenstehend im Faksimile abgebildeter Artikel in Ausschnitten:

Aus dem Jahrmarktstrubel des modernen Kunstbetriebes klingt immer wieder von Zeit zu Zeit der Name Bert Brecht wie eine Fanfare auf. Wie man sich auch zu Brecht und seinem dichterischen Schaffen stellen mag, er ist so gut unser Landsmann wie Caspar Naher und Fritz Koelle, mit denen er viel Gemeinsames fiihlt. Die Pflicht zur Sachlichkeit gebietet, auch ihn zu nennen, wenn von Augsburgern die Rede ist, die in weitem Bereich Geltung und Beachtung gewonnen haben. Vielleicht ist sein Name sogar der weittragendste nicht nur unter den berühmten jungen Augsburger Künstlern, sondern unter der Künstlergeneration der Moderne überhaupt...

Freilich mochten wir mit dem Hinweis auf Brecht kein Vorbild für die Jugend aufstellen. Das jüngste Stück Brechts, die Dreigroschenoper" haben war um der nihilistischen Gesinnung willen, die sich daran ausfragt entschieden eng ablehnt. Die gleiche Haltung würden wir vermutlich einnehmen müssen, wenn wir den "Bald" oder das Drama "Im Dickicht" hier zu hören bekämen, wonach uns keineswegs gelüstet.

Soviel zum ersten Absatz, der zum Weiterlesen der Artikels (wenns auch optisch etwas schwerfällt) animieren soll.

Brechts Verhältnis wiederum zu seiner Geburtsstadt und ihren Bürgern war auch nicht gerade das herzlichste, wer wills ihm verdenken. Sein Deutschlehrer in der Unterprima Richard Ledermann: "Von seiner Schule hielt er meines Erachtens nicht allzuviel. Unter seinen Mitschülern hatte er nur wenige, die er seines Umgangs würdigte"(2)

Kein Wunder, das die ihm dann seine äußere Erscheinung ankreideten: "Gewisse bürgerliche Außerlichkeiten, die uns unerschütterlich schienen, mißachtete Brecht schon in jenen Jahren. So fiel mir auf daß er öfter unsaubere Hemdkragen trug und auch sonst recht nachlässig gekleidet war. Bei der Stellung des Vaters und der gewiß vorhandenen Fürsorge der Mutter erschien mir das unverständlich", so ein Banknachbar Brechts in der achten Klasse. (3)

Oder seinen Lebensstil: "Kein Guter war das nicht. Der war doch Kommunist, und wer ist von den Herren schon ein Guter, die zudem bei den Frauen so gefragt sind. Brecht soll in seiner Jugendzeit vier bis fünf Freundinnen in Augsburg gehabt haben. War er nicht mehrmals verheiratet?"(4) Oder sich heute seltsam verklärt an ihn erinnern (s. nebenstehend abgebildeten Artikel, dazu: Brecht nahm erst seine beiden Vornamen Berthold Eugen als Pseudonym an, bis er sich im jahre 1916 auf Bert Brecht festlegte. Gerufen wurde er Eugen, nicht Bert, schon gar nicht Bertl. Und mit Baal hatte er 1914 auch noch nichts am Hut). Bevor er nämlich als Stückeschreiber fürs Theater in Erscheinung trat, wurde er erst mal dessen Kritiker, in der Augsburger Tageszeitung "Volkswille", dem Organ der USPD für Schwaben und Neuburg.

 

«Die Moderne» nach Augsburg gebracht

Statement von Reinhard Gammel, Augsburg 21. März 2017, veröffentlicht in der  Augsburgwiki

Jörg Scherkamp hat zusammen mit Carlo Schellemann und Frieder Pfister «die Moderne» nach Augsburg gebracht und eine ganze Generation von Künstlern, wie z. B. Pit Kinzer beeinflusst. Er war menschlich, aber nicht leicht zugänglich, sondern ein Kämpfer. Er hat den BBK zu einer Interessenvertretung der Künstler gemacht, ohne ihn wäre das nie gelungen. Die bürokratischen Verwalter heute wären ihm zutiefst verpflichtet, wenn sie sich nicht selbst für so wichtig hielten.

Scherkamp hat sich für Brecht in Augsburg eingesetzt, als das noch fast als Verbrechen galt. Besonders weil er sich als Kommunist in der DKP engagierte. Als er kein Geld mehr hatte, ging er betteln bei Rechtsanwälten und anderen Wohlhabenden, um Bilder zu verkaufen. Er war cholerisch und aufbrausend, aber er war menschlich. Als ich mit 16 Jahren mal von zu Hause floh und nachts nicht wusste, wo ich hingehen konnte, da habe ich bei ihm geklingelt. Er ließ mich damals nicht rein. Aber ich wusste nicht, wohin ich sonst hätte gehen können, er war mein einziger Freund. Dafür hatten wir mal etwas später eine Auseinanderstzung im Gewerkschaftshaus. DDR gegen MAO-Linke. Ich wurde ausgebuht. Da sagte Jörg: Ruhe, lasst den Gammel reden, dem sein Bruder haben sie umgebracht! Er war ein Fighter, aber menschlich.

Ich habe also nur liebe Erinnerungen an ihn. Und ich hatte Bilder von ihm gekauft und viele Jahre bei mir hängen. Zu einem Gedicht von Sarah Kirsch. Ich hatte dann auch Texte dazu geschrieben, aber nie hat mir jemand dafür etwas bezahlt. Das soll jetzt nicht nostalgisch kitschig klingen. Aber es ist authentisch. Es ist genauso authentisch wie die Karriere von Frieder Pfister. Der vom Künstler zum Stadtplaner wurde und von der Stadtsparkasse durch Kreditsperre in den Ruin getrieben wurde und an den untersten Rand der Existenz. Kritik an der Augsburger Stadtplanung war halt nie beliebt.

Es ist bitter, dass Scherkamp nicht mehr lebt, um dazu etwas zu sagen. Und es ist auch bitter, dass Frieder Pfister ein Notquartier in der Kaserne in Kriegshaber bekommen hat, damit er nicht unter einer Brücke schlafen muss. Er malt jetzt schwarz-weiße Kalligraphien.

Jörg Scherkamp hat zusammen mit Carlo Schellemann und Frieder Pfister «die Moderne» nach Augsburg gebracht. Eine Ironie der besonderen Art ist es, wenn dazu in der Toskanischen Säulenhalle eine Ausstellung stattfindet zu Friedensplakaten und Positionen der 1950er und 1960er Jahre, und die noch lebenden relevanten Künstler in Wirklichkeit dahinvegetieren müssen.