«Die Moderne» nach Augsburg gebracht
Statement von Reinhard Gammel, Augsburg 21. März 2017, veröffentlicht in der Augsburgwiki
Jörg Scherkamp hat zusammen mit Carlo Schellemann und Frieder Pfister «die Moderne» nach Augsburg gebracht und eine ganze Generation von Künstlern, wie z. B. Pit Kinzer beeinflusst. Er war menschlich, aber nicht leicht zugänglich, sondern ein Kämpfer. Er hat den BBK zu einer Interessenvertretung der Künstler gemacht, ohne ihn wäre das nie gelungen. Die bürokratischen Verwalter heute wären ihm zutiefst verpflichtet, wenn sie sich nicht selbst für so wichtig hielten.
Scherkamp hat sich für Brecht in Augsburg eingesetzt, als das noch fast als Verbrechen galt. Besonders weil er sich als Kommunist in der DKP engagierte. Als er kein Geld mehr hatte, ging er betteln bei Rechtsanwälten und anderen Wohlhabenden, um Bilder zu verkaufen. Er war cholerisch und aufbrausend, aber er war menschlich. Als ich mit 16 Jahren mal von zu Hause floh und nachts nicht wusste, wo ich hingehen konnte, da habe ich bei ihm geklingelt. Er ließ mich damals nicht rein. Aber ich wusste nicht, wohin ich sonst hätte gehen können, er war mein einziger Freund. Dafür hatten wir mal etwas später eine Auseinanderstzung im Gewerkschaftshaus. DDR gegen MAO-Linke. Ich wurde ausgebuht. Da sagte Jörg: Ruhe, lasst den Gammel reden, dem sein Bruder haben sie umgebracht! Er war ein Fighter, aber menschlich.
Ich habe also nur liebe Erinnerungen an ihn. Und ich hatte Bilder von ihm gekauft und viele Jahre bei mir hängen. Zu einem Gedicht von Sarah Kirsch. Ich hatte dann auch Texte dazu geschrieben, aber nie hat mir jemand dafür etwas bezahlt. Das soll jetzt nicht nostalgisch kitschig klingen. Aber es ist authentisch. Es ist genauso authentisch wie die Karriere von Frieder Pfister. Der vom Künstler zum Stadtplaner wurde und von der Stadtsparkasse durch Kreditsperre in den Ruin getrieben wurde und an den untersten Rand der Existenz. Kritik an der Augsburger Stadtplanung war halt nie beliebt.
Es ist bitter, dass Scherkamp nicht mehr lebt, um dazu etwas zu sagen. Und es ist auch bitter, dass Frieder Pfister ein Notquartier in der Kaserne in Kriegshaber bekommen hat, damit er nicht unter einer Brücke schlafen muss. Er malt jetzt schwarz-weiße Kalligraphien.
Jörg Scherkamp hat zusammen mit Carlo Schellemann und Frieder Pfister «die Moderne» nach Augsburg gebracht. Eine Ironie der besonderen Art ist es, wenn dazu in der Toskanischen Säulenhalle eine Ausstellung stattfindet zu Friedensplakaten und Positionen der 1950er und 1960er Jahre, und die noch lebenden relevanten Künstler in Wirklichkeit dahinvegetieren müssen.